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LISA NRW Papier zur Prostitutionsdebatte vom 2. 12. 2013

Ist Prostitution Gewalt an Frauen? An welchen? Wer übt diese Gewalt aus? Trifft dies auf alle Formen von Prostitution zu oder nur auf manche? Gibt es „saubere“ Prostitution?

 

Ist Prostitution Gewalt an Frauen? An welchen? Wer übt diese Gewalt aus? Trifft dies auf alle Formen von Prostitution zu oder nur auf manche? Gibt es „saubere“ Prostitution? 
 Prostitution – ultimative Norm entfremdeter Sexualität im neoliberalen Kapitalismus
 
LISA NRW Positionspapier (2.12.2013)
 
 
  „Es versteht sich übrigens von selbst,
daß mit Aufhebung der jetzigen
Produktionsverhältnisse auch (…) die
offizielle und nichtoffizielle Prostitution
verschwindet.“
 
Marx/Engels, Manifest
 
 
 
 
 
Im Sommer 2013 haben wir begonnen, uns mit dem Thema Prostitution zu beschäftigen. Anlaß waren Überlegungen zu einer Aktion am 25.11., dem Tag gegen Gewalt an Frauen. Anstatt wie üblich auf die Unterfinanzierung von Frauenhäusern – und damit auf sozusagen „private“ Gewalt an Frauen – hin­zuweisen, wollten wir auf öffentliche, gesellschaftlich akzeptierte Formen von Gewalt hinweisen. Mit der Idee, an diesem Tag vor irgendeinem Großbordell zu demonstrieren, dabei Freier zu foto­gra­fieren, sie so zu „outen“ und damit ihr Verhalten zu problematisieren, führte schnell zu grund­sätz­lichen Fragen: Ist Prostitution Gewalt an Frauen? An welchen? Wer übt diese Gewalt aus? Trifft dies auf alle Formen von Prostitution zu oder nur auf manche? Gibt es „saubere“ Prostitution?
 
In einem ersten Thesenpapier haben wir unsere Diskussionsergebnisse zusammengefasst, es wurde auf der Bundesfrauenkonferenz in Berlin vorgestellt. Die – auch für uns überraschende – breite Dis­kus­sion dieser Fragen, ausgelöst durch den Emma-Appell, machte uns aber schnell deutlich, dass wir das Thema grundlegender behandeln müssen, um auf die Ver­engungen und Verzerrungen dieser Diskus­sion – auch in der LINKEN – zu reagieren.
 
 
 
1.
 
Wir sehen in der Prostitution nur einen – wenn auch sehr wichtigen – Teilbereich eines größe­ren Sy­stems, einer sehr umfassenden „Sexindustrie“, zu denen die direkte Prostitution ebenso zählt wie die „sexualisierte Unterhaltung“ in ihrem Umfeld, die Pornoindustrie und der große Bereich sexualisierter Produkte in Massenmedien und Werbung. In dieser Industrie werden unglaubliche Profite erzielt –allein der Umsatz in der Prostitution wird auf ca. 15 Mrd. jährlich geschätzt, bei 1,2 Mio täglichen Kunden.
 
In der aktuellen Diskussion irritiert uns vor allem das Konstrukt einer „Prostitution an sich“, das von den gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie stattfindet, völlig abstrahiert. Mit der Frage, ob es eine „saubere“ Prostitution gibt, mag sich der Philosoph am Sonntag beschäftigen, wir wollen und kön­nen von der tatsächlichen Praxis – der Ausbeutung vor allem der Ärmsten, von verzweifelten Frauen aus Osteuropa, dem aufs engste mit dem System verflochtenen Menschenhandel, der anstei­genden Prostitution Minderjähriger und der ständig akuten oder latenten Gewalt – ebenso wenig absehen wie von Gewalt- und Kinder­porno­graphie sowie entwürdigender sexistischer Darstellung von Frauen in der Werbung..
 
 
 
Prostitution ist nicht isoliert zu betrachten von diesem Markt, insbesondere von den Mecha­nismen, die sexuelle „Bedürfnisse“ – gemäß Herrschafts- und Profitinteressen – schaffen und manipulieren. Denn als Marxistinnen ist es uns selbstverständlich, dass Sexindustrie und -markt nicht nur nach kapita­li­stischen Regeln der Profitmaximierung funktionieren, sondern dass sie eine herrschaftsstabilisierende Funktion in diesem System haben. Deshalb unter­suchten wir nicht nur die Veränderungen von Pro­sti­tu­tion und Sexmarkt, sondern grund­legender die Formen gesellschaftlicher Restriktion und Instrumen­talisierung von Sexua­lität im Kapitalismus. Daraus leiten wir unsere Position zu aktuellen Formen dieser Instru­mentalisierung ab, zu denen das System Prostitution gehört. Insbesondere wird deutlich werden, dass die „Neoliberalisierung“ von Prostitution einerseits der Deregulierung und Markt­aus­weitung in anderen Märkten entspricht, andererseits einer von kapitalistischer Entfremdung befreiten Sexualität entgegensteht.
 
 
 
2.
 
Schon in den 70er Jahre kritisierten Linke die vorgebliche „sexuelle Befreiung“ als tatsächlich nur neue Form von Sexualunterdrückung, die nichts von der früheren Gewalttätigkeit eingebüßt habe, auch wenn sie subjektiv weniger spürbar sei: „Nicht etwa in der Befreiung der Sexualität liegt die ,Leistung’ unserer Industriegesellschaft, sondern darin, deren Steri­lisation (…) mit technologischer Rationalität betrieben zu haben.“ (Röhr, Prostitution, 1972)
 
Die ältere Argumentation (v.a. der Frankfurter Schule) verlief etwa so: Die „schon immer“ praktizierte Freud’sche „Triebunterdrückung“ habe die Funktion gehabt, die „Triebenergie“ in Produktivität um­zu­leiten. Die dadurch auftretenden Aggressionen allerdings mussten wie­derum gesellschaftlich kon­­trol­liert und eingedämmt werden.
 
„Die Rationalisierung und Mechanisierung der Arbeit reduzieren allmählich das Quantum an Trieb­energie, das in die Kanäle mühseliger Anstrengung geleitet werden mußte und stellten damit Energien frei, die sich der Erreichung von Zielen zuwenden können, wie das freie Spiel individueller Fähig­kei­ten sie setzt.“ (Marcuse, Triebstruktur und Gesellschaft)
 
Die freiwerdende „Triebenergie“ musste daher in anderen Formen kontrolliert und dem System wieder zugeführt, d.h. abgeschöpft und entschärft werden. Dies geschah (im entwickelten Kapitalismus) durch die Verdinglichung von Sexualität, sie wurde zur Ware, deren Konsum durch Werbung („Mani­pu­lation des Bewußtseins“ durch Massenmedien) quasi erzwungen und – wie alle anderen Lebens­bereiche – dem Leistungsprinzip unterworfen wurde (Konsumzwang). Die vorgebliche Befreiung habe die ältere Sexualunterdrückung also nicht „aufgehoben“, sondern nur negiert, führe also nicht zu befrei­ter Sexualität, sondern stelle nur eine in ihrer Undurchschaubarkeit verfeinerte Form von Sexual­unterdrückung dar.
 
 
 
Dieser Argumentation können wir deshalb nicht einfach folgen, weil wir das Konzept von Sexualität als reinem „Trieb“, von einer biologistischen „Triebenergie“, die umleitbar ist, deren Unterdrückung quasi automatisch zu Aggression führt, nicht teilen. Wesentliche Aussagen allerdings bleiben aber auch in unserer Argumentation bestehen.
 
 
 
3.
 
Für uns als Feministinnen ist Sex nicht Trieb und Biologie, sondern immer soziales, also gesell­schaft­lich ausgehandeltes Verhalten. Es gibt für uns keine „natürliche“ Sexualität, sondern nur gesell­schaft­lich erwünschte und unerwünschte. Eine völlig „befreite“ Sexualität kann es daher nicht geben, sexu­elle Wünsche finden ihre Grenze immer an den Interessen des Gegenübers oder der Allgemeinheit.
 
Andererseits ist Sexualität zentrales Medium menschlicher Begegnung – mit sich selbst und mit ande­ren. Sehnsucht nach erfüllter Sexualität ist wesentlicher sozialer Antrieb, ihre Unter­drückung beschä­digt nicht nur individuelles Lebensglück, sondern auch ganz allgemein die Fähigkeit zu lustvoller, gemeinschaftlicher, solidarischer Aktion. Daher war und ist die Kon­trolle über und Reglementierung von Sexualität wesentliches Herrschaftsinstrument in allen Gesellschaften – gerade die Unterdrückung weiblicher Sexualität war entscheidend für die Durchsetzung des Patriarchats. Die normativen Vorgaben der Reglementierung wechseln dabei aber ebenso wie die Formen ihrer Durchsetzung. Ihre Veränderungen im Kapitalismus wird anschließend skizziert, um die heutige Situation besser zu verstehen:
 
 
 
4.
 
Das Monopol zur Normsetzung im Bereich der Sexualität beanspruchten in der Frühneuzeit die christ­lichen Kirchen, mussten sich dabei allerdings an die Interessen von Landbesitzern und Hand­werks­meistern anpassen: Wirtschaftliche und soziale Grundeinheit war das in monogamer, lebenslange Ehe lebende Paar, aber daneben bestand relative Freizügigkeit in der langen Phase vor der späten Heirat. Frauen waren relativ geschützt, da die gesellschaftliche Norm bei vorehelicher Schwangerschaft die um­gehende Heirat verlangte. Durchgesetzt wurden die Normierungen allerdings weniger durch Kirche und Staat, sondern durch soziale Kontrolle in lokalen Gemeinschaften.
 
In den frühindustriellen Zentren dagegen fehlte diese Kontrolle – mit Auswirkungen nicht nur auf Sexu­a­lität, sondern alle Formen sozialen Verhaltens. Kriminalität nahm zu, insbesondere Eigen­tums­delikte und die Bereitschaft, Konflikte mit körperlicher Gewalt auszutragen. Eine weitgehend unkon­trol­lierte Sexualität, zusammen mit der bekannten, durch Armut und Gesetz „erzwungenen Ehe­losig­keit“ des Proletariats führte zu einem enormen Anstieg unehelicher Geburten – was in den meisten Fällen die verzweifelte Lage von Frauen noch verschärfte. Nicht zuletzt deshalb nahm die Prostitution – in diesem Ausmaß bis dahin auf Garnisons- und Hafenstädten beschränkt – stark zu und wurde von der Bourgeoisie ebenso nachgefragt wie vom Proletarier, wenn auch in unterschiedlichen Formen.
 
Dieser doppelten Gefährdung – Gewaltbereitschaft und unregulierte Sexualität – versuchte das Bür­ger­tum durch harte Repression einerseits und die Propagierung einer strikten Sexual­moral zu begeg­nen. Erst aus dieser Zeit stammen die strengen Moralvorschriften, die Freud später analysierte. Der Erfolg blieb begrenzt, gerade im ständig wachsenden Proletariat. Allerdings konnte das neue bürger­liche Familienmodell (nicht die Praxis!) – „Frau im Haus, Mann im feindlichen Leben“ – und mit ihm die völlige juristische und ökonomische Ent­rechtung der Frauen in wachsendem Maße auch außerhalb des Bürgertums verankert werden.
 
Der Fordismus schloß genau dort an und machte die industrielle Kleinfamilie zur Grund­einheit seiner Produktionsweise. Gesteigerte Produktivität ermöglichte jetzt den Ehemann als Familienernährer, auf die Produktionsleistung der Frauen konnte zunehmend verzichtet werden. Erst jetzt wurde sie zur bloßen Reproduktionsarbeiterin. Die dem Proletariat vorher praktisch unerreichbare Ehe wurde nun als alternativloses Lebensmodell propagiert – und auch durchgesetzt. Damit gelang es, Sexualität ganz an Ehe und Familie zu binden, Voraus­set­­zung blieb die Unterdrückung vorehelicher und – in weitem Ausmaß – außerehelicher Sexualität.
 
Nicht nur Sexualität wurde damit eingehegt, auch die individuelle Gewalt: Der (Ehe)mann erhielt die völlige Verfügungsgewalt über Frau und Kinder, außerhalb der Familie wurde Gewalt als Mittel des Kon­fliktaustrags dagegen zunehmend sanktioniert und verdrängt. Die heute enge Verbindung von Sexualität und Gewalt könnte hier eine ihrer vielen Wurzeln haben, denn in diesen – nach außen meist abgeschotteten – Kleinfamilien waren Ehefrau und Kinder sexuellen und körperlichen Angriffen des Mannes schutzlos ausgeliefert.
 
Neben der Sexualität in der Ehe stand die (Halb)welt der Bordelle (oder euphemistisch: Nachtclubs) im gesellschaftlichen Abseits – die klassische Zeit der Doppelmoral. Diese Welt galt als „gegen­bürger­lich“ und wurde durch Künstler und Intellektuelle entsprechend roman­tisiert ­– auch dies hat Aus­wir­kungen bis heute. Jeder Ausweitung zum Sexmarkt standen jedoch die rigiden Gesetze der Zeit entgegen, die Organisation von Prostitution blieb daher weit hinter der Entwicklung anderer Märkte zurück.
 
Im Neoliberalismus führten hohe Produktivität und immense Ausweitung der Märkte dazu, dass nicht mehr die Kleinfamilie, sondern das Individuum Grundeinheit kapitalistischen Wirt­schaftens wurde. Der bisherige staatliche „Schutz“ der Familie, ihre faktische Alternativ­losigkeit als Lebensform, wurde zurückgenommen. Zudem beeinträchtigten  die erhöhten Anforderungen des Arbeitsmarktes (Mo­bi­lität, Verfügbarkeit) die Dauerhaftigkeit ehelicher (und anderer!)  Beziehungen. Es kam letztlich zu einer Wiederauflage der „erzwungenen Ehelosigkeit“ des Proletariats. Allerdings wurde das Ende der  – immer auch patriarchalen! – industriellen Kleinfamilie auch als Befreiung erlebt – vor allem von Frauen, ebenso die (später durch Lohnsenkung praktisch erzwungene) Erwerbsarbeit als Unab­hängigkeit vom Ernährer gefeiert.
 
Mit dem Ende der Kleinfamilie fand aber auch die bislang praktizierte Einhegung von Sexua­lität und „familiärer“ Gewalt ein Ende. Die „sexuelle Revolution“ der späten 60er, ihre enge Verbindung zu diver­sen Emanzipationsbewegungen (Frauen, Schwarze, Schwule…) zeigt, welche Risiken daraus für den Kapitalismus entstanden.
 
 
 
 
 
 
 
„Wer sich daher für den gesetzlichen Reformweg
anstatt und im Gegensatz (…) zur Umwälzung der
Gesellschaft ausspricht“, beschränkt sich „auf die
Beseitigung der kapitalistischen Auswüchse
und nicht des Kapitalismus selbst.“
 
Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution
 
5.
 
An dieser Stelle kann die oben referierte Analyse ansetzen: Durch Manipulation in den Mas­sen­medien, durch radikale Aufhebung früherer Tabus, durch Schaffung eines Sexmarktes gelang es, den Aufbruch zu sexueller Emanzipation zu instrumentalisieren und die von Familie und den ihr ent­spre­chenden gesellschaftlichen Normen entbundene Sexualität neu zu formen – im Interesse der Herr­schen­den: Pornographie wurde ebenso entkriminalisiert wie Homosexualität, Prostitution genauso wie Ehebruch oder Sexualität unter Jugendlichen. Der Wandel gesellschaftlicher „Werte“ ging Hand in Hand mit der Kommerzialisierung von Sexualität: Sexkinos, Pornoläden inkl. Wichskabinen über­schwemmten die Innenstädte, Prostitution wurde räumlich und zeitlich entgrenzt, wurde erst jetzt zu einem Massenmarkt. Die früher noch romantisierbare, quasi vorindustrielle Prostitution  wandelte sich zur Fließbandabfertigung in Verrichtungsboxen. Das Prostitutionsgesetz von 2002 – nicht zufällig zeitgleich mit der Agenda 2010 in einer Phase verstärkter Neoliberalisierung entstanden –befreite die Sexindustrie endgültig von älteren Beschränkungen, ermöglichte die Öffnung neuer, größerer Märkte. Den vorläufigen Endpunkt dieser Entwicklung sehen wir in Groß­wandplakaten für international vernetzte Großbordelle, die für ihre Flatrate-Tarife werben.
 
Eingeleitet und gefördert wurde diese Kommerzialisierung von einer neuen „Sex-Ideologie“, die – unter dem Banner sexueller Befreiung – die Verdinglichung von Sexualität, ihre Waren­förmigkeit, ein quasi natürliches „Recht auf (männliche) Befriedigung“, samt Leistungs­prinzip und Konsumzwang pro­pagierte. Sexualisierte Werbung, die ihre Bildsprache der Pornographie entlieh, wurde quasi selbst­verständlich, getarnt als sog. „Aufklärung“ fand diese Propaganda ihren Weg sogar in die Klas­sen­zimmer.
 
Das propagierte Bild von Sexualität trug dabei schon früh deutlich gewalttätige Züge. Zum einen ist dies zwingende Folge der Degradierung von Menschen – ganz überwiegend Frauen – zum reinen Objekt männlicher Lust, zum anderen konnten so die jetzt – offiziell – nicht mehr innerfamiliär aus­gelebten (männlichen) Aggressionen kanalisiert werden.
 
Die Folgen dieser Ideologie wurden ­vor allem von Feministinnen hinreichend analysiert: Eine ent­frem­dete Sexualität, in der Männer sich als von sexuellen „Bedürfnissen“ getrieben erleben, deren „Be­frie­digung“ einzufordern sie ein Recht zu haben glauben – Sexualität wird verdinglicht, abgelöst von personaler Beziehung, die Frau zum bloßen „Objekt der Begierde“. Ihre Rolle beschränkt sich darauf, aus der Erfüllung – oder Manipulation – männlicher Erwar­tungen eigene Lust – oder Macht – zu beziehen.
 
Sexuelle Entfremdung bedeutet dies für beide Geschlechter, eine freie, lustvolle Beziehung zwischen Männern und Frauen wird so fast unmöglich, in jedem Fall schwierig. Allerdings ist die Situation nicht symmetrisch: Der Objekt-Status wird der Frau zugewiesen, sie ist die „Ware“, der Mann der „Konsument“. Auch hier gilt: es geht nicht um alle Männer und aller Frauen, sondern um Ge­schlech­terverhältnisse als Herrschaftsverhältnisse. Zudem zielt die omnipräsente Sex-Propaganda auf männ­liche, nicht weibliche Sexualität. Daher können Frauen die sexuelle Entfremdung durch Manipulation leichter durchschauen – und kritisieren.
 
 
„Nur wer die Welt zu verändern bereit ist,
vermag in unserer Zeit gesellschaftliche
Verhältnisse richtig zu interpretieren.“
 
11. Feuerbachthese – umgekehrt
 
 6.
 
In der Prostitution wird diese entfremdete Sexualität in Reinform verwirklicht, sie ist quasi die ulti­ma­tive sexuelle Norm, die der Kapitalismus setzt. Nicht nur im depersonalisierten Verhältnis zwischen Prostituierten und „Freiern“, sondern auch in den kapitalistischen „Arbeitsbedingungen“. Doch aus­ge­beutet und entfremdet wird nicht nur die Prostituierte, sondern auch der Mann, der für die Befrie­di­gung manipulierter Bedürfnisse zahlen muß. Opfer sind in diesem System beide! Denn täglich millio­nen­facher „Konsum“ der „Ware Frau“ schreibt diese menschenverachtende Norm in Leib und Seele von Männern und Frauen ein. In diesem Sinne ist Prostitution Gewalt an allen Frauen – und allen Männern!
 
Es geht also um mehr als die „Abschaffung“ von Prostitution, um mehr als die Umstände, unter denen sich Frauen zu diesem „Beruf“ entschließen, auch um mehr als ihre Arbeits­bedingungen. Und schon gar nicht darum, Menschen einseitig als „Opfer“ und „Täter“ zu diskriminieren. Es geht darum, das System der Sexindustrie zu durchschauen, das nicht nur die in der Prostitution tätigen Frauen und ihre „Kunden“ ausbeutet, sondern die Sexualität aller manipuliert, sie ihren intimsten Empfindungen ent­fremdet, damit in ihrer Würde und Menschlichkeit verletzt und so ihre Solidarität, die Fähigkeit, anderen als Gleichwertigen zu begegnen, untergräbt. Nichts könnte die Herrschaft des Kapitalismus dauerhafter sichern! Deshalb ist die Sexindustrie nicht nur ein ausbeuterischer Wirtschaftszweig wie jeder andere, sondern ein Instrument der Herrschenden, unsere Widerstandskraft zu brechen.
 
Es geht jetzt darum, Wege zu finden, diesem System entgegenzutreten. Denn unser Ziel – für alle Men­schen – ist lustvoller Sex, jenseits kapitalistischer Entfremdung und Ausbeutung, der personale Begeg­nung nicht von vornherein ausschließt. Das bedeutet nicht, dass Sexualität an langfristige Be­ziehung oder gar Liebe gekoppelt ist, sondern an Gleichheit, Respekt, Freiwilligkeit. Erzwungener oder gekaufter Sex ist damit nicht vereinbar.
 
In einer sozialistischen Gesellschaft – so Marx – wird es keine Prostitution mehr geben. Und – so Luxem­burg – an den „nachrevolutionären“ Zielen sollten wir unser aktuelles politisches Handeln aus­rich­ten. Also revolutionäre Realpolitik – auch beim Thema Prostitution:
 
– entschiedener Kampf gegen die Sexindustrie und ihre Propaganda
 
– gesellschaftliche Ächtung des Systems Prostitution; für viele von uns ist auch die Sank­tio­nierung der Freier (skandinavisches Modell) eine Option
 
– umfassender Schutz aller in diesem System ausgebeuteten Menschen.
 
Wir werden als Frauen im System der Prostitution doppelt entfremdet: In der Arbeit und in den Ge­schlechterverhältnissen. Wir kämpfen mit den Prostituierten für ihre Rechte. Wir kämpfen nicht gegen sie, sondern gegen ein System, dass Menschen ausbeutet, sie in allen Bereichen zwingt, ihre Ware Arbeitskraft zu verkaufen und ihnen ihre Selbstbestimmung raubt. Wir streben nach freier, selbst­bestimmter Sexualität aller, wissen aber, dass Selbst­bestim­mung im Kapitalismus eine Illusion ist. Wir aber wollen, dass aus der Illusion Wirklichkeit wird. Der Weg dorthin wird mit Widersprüchen gepflastert sein. Nutzen wir sie!   „Es versteht sich übrigens von selbst,
daß mit Aufhebung der jetzigen
Produktionsverhältnisse auch (…) die
offizielle und nichtoffizielle Prostitution
verschwindet.“
 
Marx/Engels, Manifest

www.dielinke-nrw.de/partei/arbeitskreise/frauen_lisa/prostitutionsdebatte/

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