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Ein schönes Märchen

Von Ingrid Jost

Gleichstellung ist weder in der Arbeitswelt noch in der Politik noch inder Gesundheitsversorgung annähernd erreicht.

Gleichstellung ist weder in der Arbeitswelt noch in der Politik noch in
der Gesundheitsversorgung annähernd erreicht. Von Ingrid Jost (erschienen in der "Jungen Welt" vom 08. März 2012


Gleichstellung – das Wort ist in aller Munde und in vielen Papieren und Konzepten zu lesen. Trotzdem wachsen der Niedriglohnsektor, die prekäre Beschäftigung inklusive 400-Euro-Jobs und die Lohndiskriminierung von Männern und Frauen kontinuierlich. Eine Studie des Wirtschafts- und
sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung von 2008 kommt zu dem Ergebnis, daß es einen unerklärbaren Faktor der Geschlechterdiskriminierung gibt.


Die absolute Zahl der Normalarbeitsverhältnisse verringerte sich von 2008 bis 2010 um 133000. Das sogenannte Jobwunder sei nicht gerecht, erklärte Prof. Gerhard Bosch vom /Institut Arbeit und Qualifikation/an der Uni Duisburg-Essen (IAQ) in einem Interview. Die Zahl der Beschäftigten sei 2011 zwar um rund 500000 auf einen neuen Höchststand von 41,6 Millionen gestiegen, doch auch die Zahl der im
Niedriglohnsektor Beschäftigen hat sich 2010 auf 7,8 Millionen erhöht, ein Rekord auf den man nicht stolz sein könne. In Minijobs arbeiten etwa 90 Prozent gleichzeitig zu Niedriglöhnen, erhalten häufig keine
Bezahlung im Krankheitsfall und werden häufig für gleiche Arbeit schlechter entlohnt als sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im selben Betrieb. Das ist zwar eine gesetzeswidrige Praxis, die jedoch durch die Hartz-Gesetze noch begünstigt wird. Denn per Aufstockung wird der Niedriglohn mit Steuergeldern subventioniert. Minijobs benachteiligen besonders Frauen, die mittlerweile oft auch noch
Hauptverdienerinnen sind: In jeder fünften Familie erwirtschaften Frauen den größten Teil des Familieneinkommens, also mehr als die Hälfte. Dies ergab eine vor zwei Jahren vom DGB veröffentlichte Studie (siehe jW vom 22.1.2010).

Bereits beim Einstieg ins Berufsleben werden Frauen deutlich schlechter gestellt als Männer. Sie verdienen in den ersten drei Berufsjahren knapp 19 Prozent weniger. Die Lohndifferenz steigt mit den Berufsjahren sogar
noch an – auf 22 Prozent bei Angestellten mit vier bis zehn Berufsjahren. Im Osten ist die Lohndifferenz etwas geringer als im Westen.



Vordenkerinnen ignoriert


Warum verdienen Frauen in Deutschland weniger als Männer? Im Psychologie-Lexikon steht, daß Ungleichbehandlung nicht nur von Personen, sondern auch von Institutionen ausgeübt werden kann.
Vorurteile können als Determinanten für diskriminierendes Verhalten betrachtet werden. Welches Denken hat dazu beigetragen, die intellektuellen Fähigkeiten und die Arbeit von Frauen geringzuschätzen?
In der Philosophie, wörtlich der Liebe zur Weisheit, ist kaum jemand weise genug, auch die Philosophinnen zu würdigen. Fast vergessen sind Frauen wie Hypatia, in der Antike eine angesehene Wissenschaftlerin und Vorsteherin der berühmten Universität von Alexandria. Sie unterrichtete Philosophie, Mathematik und Astronomie. Aspasia von Milet hat einen philosophischen Salon in Athen gegründet und war wegen ihrer Redekunst geschätzt. Sokrates und seine Freunde sollen ihre Lehrvorträge in Philosophie und Rhetorik besucht haben. Unerwähnt bleiben Frauen wie Bertha von Suttner, Rosa Luxemburg, Simone de Beauvoir.



Rollenmodelle im Wandel


Ist die klassische Rollenverteilung ein Auslaufmodell? Während 1991 noch die Hälfte der West- und ein Drittel der Ostdeutschen glauben, daß der Platz der Frau allein im Haushalt und bei der Familie sei, so sind es 17
Jahre später 39 Prozent im Westen und lediglich 17 Prozent im Osten. Der Unterschied kann inzwischen nicht mehr ausschließlich mit den in der Vergangenheit unterschiedlichen politischen Systemen erklärt werden,
denn seit der »Wiedervereinigung« gingen traditionelle Vorstellungen einer Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung zufolge im Osten stärker zurück als im Westen. Die berufliche Integration von Frauen im Osten
wurde durchaus positiv gesehen, gefördert und durch günstigere Rahmenbedingungen der Kinderbetreuung unterstützt. Trotzdem gab es auch im Osten erhebliche Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen, in der Industrie verdienten vollzeitbeschäftigte Frauen durchschnittlich um 16 Prozent, im Maschinenbau sogar um 21 Prozent weniger als Männer. Typische Frauenberufe waren auch in der DDR niedriger entlohnt und deren Arbeiten über alle Beschäftigungsgruppen hinweg niedriger bewertet.

Welchen Einfluß hat das geltende Recht auf Rollenbilder? Das rechtliche Regelwerk kann rollenspezifisches Verhalten begünstigen oder erschweren. Begünstigt wird das traditionelle Rollenbild durch das
Ehegattensplitting, durch die Steuerklasse V und die Minijobs als »Hinzuverdienstmöglichkeit« für Frauen. Auch ein Elterngeld, das nicht wechselweise beide Eltern zu gleichen Teilen mit einbindet, stärkt die
klassische Rollenteilung. Frauen werden auf diese Weise auf ihre Plätze verwiesen und die eigenständige berufliche Karriere und Alterssicherung verhindert. Das Recht kann aber auch als Motor der Veränderung wirksam werden, wenn der Wille dazu vorhanden ist.

Die gesellschaftliche Ausrichtung an der männlichen Norm: Nach wie vor ist die Berechnung der Rentenanwartschaften an einer – auch längst nur noch fiktiven – lückenlosen männlichen Erwerbsbiographie ausgerichtet. Für Geburten bis zum 31.12.1991 wird in der gesetzlichen Rentenversicherung lediglich ein Jahr Kindererziehungszeit je Kind berücksichtigt, für Geburten ab dem 1.1.1992 je Kind drei Jahre. Abgesehen davon, daß Frauen, die ihre Kinder vor 1992 bekommen haben, unangemessen benachteiligt werden, ist die stärkere Berücksichtigung von Pflegeleistungen bei den Rentenansprüchen noch nicht umgesetzt.



Defizite in der Forschung


Auch in der Gesundheitsforschung sind viele medizinische Standards noch immer an Männern ausgerichtet. Frauen sollen individueller und besser behandelt werden, so Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) in einer Presseerklärung vom 7. März 2011. Das sei »eine Frage der Gerechtigkeit«.Studien aus den USA zeigen, daß Frauen bei koronaren Gefäßkrankheiten seltener mit angemessenen Medikamenten behandelt werden. Männern werden eher teurere innovative Therapieformen verschrieben. Die Erstellung einer umfassenden Datenbank ist ein wichtiger Schritt für eine geschlechtsspezifische Forschung in der
Medizin, die dringend notwendig ist, weil Frauen und Männer deutliche Unterschiede in der Epidemiologie von Erkrankungen aufweisen. Sie haben häufiger Depressionen und eine andere Symptomatik des Herzinfarkts und des Schlaganfalls, um nur einige Beispiele zu nennen.

Welche anderen Gründe sind für eine solche systematische Diskriminierung maßgebend? »Patriarchat« ist nach Ansicht des Sozialforschers und Psychologen Rolf Pohl von der Uni Hannover, nicht der zutreffende
Ausdruck für die herrschenden Geschlechterverhältnisse. »Hegemoniale Männlichkeit« treffe es besser. Er sieht männliche Vorherrschaft nicht nur in der Wirtschaft und der Politik, sondern immer noch sehr stark
auch in privaten Beziehungen. Dabei sollen männliche Ängste vor weiblicher Sexualität eine große Rolle spielen: In einem Interview mit der tageszeitung zitierte Pohl eine Umfrage, der zufolge, 84 Prozent der
deutschen Männer Angst vor Potenzversagen und 88 Prozent vor Frauen haben. Die Abwertung von Frauen hat seiner Einschätzung nach die Funktion, die männliche Identität zu stärken und Macht und Kontrolle zu
behalten.


Was können wir tun, damit das Märchen von der Gleichstellung wahr wird? Einen alljährlichen Frauentag zu feiern wird wohl nicht ausreichen. Wir müssen uns das eigene Verhalten bewußt machen, mit dem wir das
traditionelle Frauenbild stützen, und es dann verändern. Es muß ein Frauenjahr folgen mit radikale Arbeitszeitverkürzung für alle, Umverteilung der Arbeit bei vollem Lohnausgleich, Abschaffung der
Minijobs, ein gesetzlicher Mindestlohn von zehn Euro, Schaffung gleicher Rechte und Pflichten für Frauen und Männer. Für das, was nicht erreicht wurde, wäre ein weltweiter Generalstreiktag aller Frauen am 8. März 2013 ein guter Anfang.






Ingrid Jost (Jahrgang 1948) ist Diplom-Pädagogin, Familientherapeutin, Fremdsprachenkauffrau für Wirtschaftsenglisch und lebt in Duisburg. Sie arbeitet in der Bezirksvertretung der Stadt, im Aufsichtsrat einer kommunalen Beschäftigungsgesellschaft, als Dozentin an der Volkshochschule. Sie engagiert sich in der feministischen Bundesarbeitsgemeinschaft LISA der Linkspartei sowie in der Antikapitalistischen Linken NRW


Quellen (Auswahl):

Helga Stephan, Eberhard Wiedemann: Lohnstruktur und Lohndifferenzierung in der DDR, in IAB-Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 4/1990, S. 550-562 (IAB: Institut für Arbeitsmarkt- und
Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit, www.iab.de
<;>http://www.iab.de/>; ausgewertet wurden hier die Ergebnisse der Lohndatenerfassung in der DDR vom September 1988


»Männer haben Angst vor Frauen« - Interview mit Prof. Rolf Pohl in der tageszeitung vom 6.3.2009: http://www.taz.de/!31436/
<>http://www.taz.de/%2131436/>


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