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Die Kraft der Kritik: Wege des Marxismus - Feminismus Aktueller Kongressbericht

Der Kongress war bereits drei Wochen vorher mit über 500 Anmeldungen ausgebucht.

Neben den langjährig sich mit Marxismus/Feminismus beschäftigenden Frauen waren viele junge Frauen und auch einige junge Männer anwesend.

 

 
Redaktionskorrespondenz
April
2015
 
Internationaler Kongress
der feministischen Sektion des
Berliner Instituts für kritische Theorie
und der
Rosa Luxemburg Stiftung
unter Beteiligung von transform! europe und DIE LINKE
vom 20. - 23. März 2015 in Berlin
Der Kongress war bereits drei Wochen vorher mit über 500 Anmeldungen ausgebucht.
Neben den langjährig sich mit Marxismus/Feminismus beschäftigenden Frauen waren viele
junge Frauen und auch einige junge Männer anwesend. Aus dem Publikum kamen
Meldungen von Teilnehmern/innen aus vielen Ländern.
Ausgangspunkt für die Tagung war ein Konflikt im Redaktionsteam des
Historisch - Kritischen
Wörterbuchs des Marxismus.
Es wurde darüber gestritten, ob es den Begriff
» Marxismus - Feminismus «
überhaupt gebe und wenn ja, was er eigentlich bedeutet.
Frigga Haug,
für die seit über vier Jahrzehnten die Verknüpfung von Marxismus und
Feminismus ein wichtiges wissenschaftliches und politisches Anliegen
ist, konnte sich durchsetzen –
ihr Beitrag zum Stichwort » Marxismus - Feminismus«
wurde im
HKWM 8/II
aufgenommen. Der aus diesem Anlass initiierte Kongress mit zahlreichen Referentinnen aus
dem internationalen Wissenschaftsbetrieb (Kanada, USA, Großbritannien,
Österreich, Schweden) und erfahrenen Aktivistinnen aus
unterschiedlichen Frauenbewegungen sollte zur
Begriffsklärung ebenso beitragen wie zur Vereinheitlichung theoretischer Grundlagen
und Verständigung auf gemeinsame politische Perspektiven.

Katja Kipping eröffnete den Kongress und bekannte sich dazu, eine feministische Marxistin
zu sein (mit dem Schild » Ich bin eine fem- ma « ). Sie stellte das gemeinsame Ziel von
Arbeiterbewegung und Frauenbewegung heraus. Für sie stellt sich nicht die Frage,
ob
es eine
Verknüpfung von Marxismus und Feminismus geben kann, sondern
was
ist zu tun, um sie
herzustellen. Es gilt, die Ignoranz des patriarchalen Verschweigens zu überwinden und
gemeinsam Visionen einer anderen Gesellschaft zu entwickeln. Als einen wichtigen Schritt
dahin erachtet sie die Perspektive einer neuen Arbeits - und Lebenszeitverteilung.

Frigga Haug
, die großen Anteil am Zustandekommen des Kongresses hatte, begann mit einer
umfassenden Einführung.
Ihr geht es bei der Zusammenführung von Marxismus und
Feminismus wesentlich darum, am Marxschen Erbe festzuhalten und gleichzeitig den Begriff
der Produktionsverhältnisse für feministische Fragen neu zu besetzen und umzubauen.
Ausgehend von der Marx/Engelsschen These in der Deutschen Ideologie, dass die Herrschaft
des männlichen über das weibliche Geschlecht das erste Klassenverhältnis der Geschichte
darstellt, formuliert sie den Leitsatz
» Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse « ,
der die Produktion des Lebens ebenso wie der Lebensmittel umfasst und Grundlage sein soll
SOST
-
Info April 2015
Seite
3
für alle weiteren Untersuchungen zur Entwicklung kapitalistischer wie patriarchalischer
Herrschaftverhältnisse.
Für den Kapitalismus ist die Arbeit rund um die Produktion des Lebens
–
zusammengefasst
im Begriff der
»
Care
-
Arbeit
«
–
nur sch
lecht verwertbar, weil sie nicht der Logik der
Zeiteinsparung folgt. Der Abbau des Wohlfahrtsstaats in einer globalisierten Ökonomie
überlässt die Sorge um das Leben Frauen in unbezahlter häuslicher Arbeit oder gering
bezahlter Lohnarbeit und führt zur Kri
se in diesem Sektor.
Aber nicht nur Frauen leiden zunehmend unter der
Zeitlogik
der globalisierten
kapitalistischen Produktionsweise. Hier sieht
Frigga Haug
den Ansatzpunkt für eine
gemeinsame politische Zielsetzung: Als Leitfaden schlägt sie die
»
Vier
-
in
-
einem
-
Perspektive
«
vor
–
eine
radikale Arbeitszeitverkürzung
für alle, um anderen wichtigen Lebensbereichen
–
Care
-
Arbeit, politische Einmischung, eigene Entwicklung
–
genügend Zeit einräumen zu
können.
Das Thema
»
Kämpfe um Zeit
«
als gemeinsame politische
Perspektive, die nicht nur eine
Utopie von Frauen, sondern eine Utopie für alle ist, wurde auch im Workshop von
Katja
Kipping
und
Sybille Stamm
in den Mittelpunkt gestellt und konkretisiert.
Sybille Stamm
ging
auf die Erfahrungen der Kämpfe um die 35
-
Stund
en
-
Woche ein und konstatierte, dass die
Gewerkschaften die Zeitfrage aus den Augen verloren hätte. Sie verweist demgegenüber auf
aktuelle Untersuchungen, die ergeben, dass es ein breites Bedürfnis in der Bevölkerung nach
Verkürzung der Vollarbeitszeit, Zei
tsouveränität für Phasen der Kinder
-
und Pflegebedarfe
und speziell in der jungen Generation nach mehr Zeitwohlstand gebe, und damit ein
günstiger Zeitpunkt für ein Wiederaufgreifen dieses Themas gegeben sei.
Katja Kipping
konkretisierte die
»
Vier
-
in
-
eins
«
-
Perspektive
. Sie sieht in der Aufteilung eines
Tages in je
vier
Stunden Erwerbsarbeit, Care
-
Arbeit, politische Arbeit und Selbstentfaltung
einen Kompass für eine andere Gesellschaft, betonte aber in der Diskussion, dass es nicht
um schematische Festlegunge
n, sondern um Orientierungen gehe.
Das
Thema
»
Care
-
Arbeit
«
und Kämpfe in diesem Bereich wurden in mehreren Workshops,
u.a. mit
Tove Soiland
und
Hilde Grammel
ausführlich behandelt.
Gabriele Winker,
Professorin an der TU Hamburg
-
Harburg, ist aktiv im Netzw
erk Care
Revolution, in dem 70 Organisationen arbeiten. Sie zeigte im Panel
Perspektiven einer
menschlichen Gesellschaft
die Krise sozialer Reproduktion auf und plädierte dafür, die
Sorgearbeit ins Zentrum gemeinschaftlichen Zusammenlebens zu rücken und Bi
ldung,
Erziehung und Pflege mit solidarischer und humaner Gesellschaft zu verbinden. Im
Kommunalbereich wären Forderungen durchsetzbar durch schrittweise Demokratisierung,
gewählte Care
-
Räte, weg von kirc
hlicher und privater Betreuung.
Die Heterogenität ma
rxistisch
-
feministischer Theoriebildung und aktiver feministischer
Bewegungen und Kämpfe wurde in zahlreichen weiteren Veranstaltungen mit
internationalen Referentinnen deutlich. Hier noch einige Beispiele:
Lise Vogel
, eine Veteranin der amerikanischen Bür
ge
r
rechts
-
und Frauenbewegung, sieht
zwei unterschiedliche Erkenntnisansätze zur Unterdrückung von Frauen.
Der
Ansatz der
Intersektionalität
geht zurück auf die Erfahrungen farbiger Frauen, die sich im Feminismus
weißer Mittelstandsfrauen nicht wiederfande
n. Er versucht, die Ungleichheitskategorien
»
Rasse
«
, Klasse und Geschlecht
in ihrer Wechselwirkung und Verwobenheit zu analysieren.

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