Zum Hauptinhalt springen

Detailansicht NEWS

Der kleine Unterschied macht den Unterschied

Ingrid Jost

Zur Situation von Frauen im Erwerbsleben

Die Lohndiskriminierung von Frauen liegt in Deutschland nahezu unverändert hoch bei über 22 %. Überdurchschnittlich ist der Frauenanteil bei der Benachteiligung im Erwerbsleben, bei der atypischen Beschäftigung mit weniger als 20 Stunden, der Befristung und dem Niedriglohn.

Der kleine Unterschied, der den entscheidenden Unterschied macht
von Ingrid Jost  
Die Situation von Frauen im Erwerbsleben  
Die Lohndiskriminierung von Frauen liegt in Deutschland nahezu unverändert hoch  bei über 22 %. Überdurchschnittlich ist der Frauenanteil bei der Benachteiligung im Erwerbsleben, bei der atypischen Beschäftigung mit weniger als 20 Stunden, der Befristung und dem Niedriglohn. Dementsprechend hoch ist deshalb der Anteil derjenigen Arbeitnehmerinnen, die ihr zu geringes Einkommen mit   ALG II aufstocken lassen müssen. Er liegt bei 54,5 %, obwohl der Anteil an der  
Erwerbsbeteiligung lediglich 46 % ausmacht. Der explosionsartige Anstieg geringfügiger Beschäftigung wurde von den politischen Akteuren als weibliches Beschäftigungswunder gefeiert. Verschwiegen wird in der Regel, dass reguläre Vollzeitbeschäftigung von Frauen  zwischen 1991 und 2012 um ca. 12 % zurückging und dass viele Frauen zwar familienbedingt Teilzeit arbeiten, ihre Arbeitszeit jedoch lieber ausweiten wollen und dafür kaum Angebote auf dem Arbeitsmarkt vorhanden sind.
 
Minijobs als Sackgasse bei der Einmündung in den ersten Arbeitsmarkt
Der Minijob wurde vielfach als „Zubrot“-Verdienstmöglichkeit von Frauen angesehen, ist aber heute vielfach die einzige Beschäftigungsmöglichkeit für Frauen, die sich als Sackgasse erwiesen hat bei der Einmündung in den ersten Arbeitsmarkt. Anlässlich einer Untersuchung der Minijobs hat sich herausgestellt, dass bei mehr als der Hälfte der Arbeitsverhältnisse eklatante Verstöße gegen das Arbeits- und Sozialrecht begangen werden. Statt die Minijobs abzuschaffen, wurden den Betroffenen mittels eines Flyers des MAGS NRW die Arbeits- und Sozialrechte erneut dargelegt und bei Verstößen die Einzelklage vor dem Arbeitsgericht  empfohlen. Diese Möglichkeit hatten die Betroffenen schon vor der Untersuchung der Minijobs, wenn die Betroffenen diese nutzten, verloren sie sehr schnell ihren Minijob, auch wenn sie am Ende des Klageweges in der Regel Recht bekamen. Angesichts der Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt hat der Gesetzgeber dem schwächsten Glied in der Kette die Verantwortung für die zahlreichen Verstöße gegen geltende Arbeits- und   Sozialrechte zugeschoben. In diesem Zusammenhang wird die repressive Rolle der Jobcenter ignoriert, die bei Reduzierung des Einkommens mitunter sehr schnell auf schuldhaftes Individualverhalten schließen und Sanktionen aussprechen.  
 
Wer keine Arbeit hat, ist selber schuld
Mittlerweile hat die manipulative Individualisierung von Erwerbslosigkeit dazu geführt, dass der Irrglaube sich durchgesetzt hat, dass Erwerbslose defizitär sind und ihr Schicksal deshalb selbst verschuldet haben. Massenentlassungen von vielen Tausenden von Mitarbeitern, die Jahrzehnte in ihren Berufen gearbeitet haben, werden ausgeblendet. Vergessen werden ebenfalls jenen jungen Menschen, die nie eine Chance zur ordentlichen Ausbildung erhielten. Nach etwa einem Jahr werden sie als Langzeitarbeitslose therapiert, begleitet, beraten und geschult, um in den kaum vorhandenen ersten Arbeitsmarkt einzumünden. In diesem Zusammenhang hat man auch die von Gruppe der Alleinerziehenden entdeckt, die in der Tat extrem armutsgefährdet sind. Allerdings  kann der Anspruch nachhaltiger Frauenförderung bei der Anbindung an die Jobcenter kaum eingelöst werden, weil es die de facto-Aufgabe dieser Institutionen ist, die Ausgaben zu senken.  Um diese Aufgabe erfüllen zu können, müssen die Mitarbeiter_innen die Frauen drängen, jedweden Job anzunehmen, der ihre Hilfsbedürftigkeit zwar aktuell senkt, ihnen aber keine nachhaltige Aussicht auf eine Unabhängigkeit von Transferleistungen eröffnet.   
90 % der Alleinerziehenden sind Frauen. 61 % der Alleinerziehenden sind erwerbstätig und damit beträgt deren Anteil eine etwa gleiche Erwerbsbeteiligung wie die aller Mütter, die bei 60 % liegt.
 
Aufrechterhaltung des Status Quo
Zahlreiche Gesetze, Maßnahmen und politische Entscheidungen tragen bei zu einer weiteren Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen von Frauen und auch von Männern. Falls die Freihandelsabkommen ratifiziert werden, wird diese Entwicklung fortgeschrieben und vertieft werden.  
 
Die Analyse der  „deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/06/07“ greift zu kurz, die von einem Versagen der Kanzlerin spricht, weil Frauen noch immer Arbeitskräfte II. Klasse seien. An diesen Zuständen haben zahlreiche politische Akteure aus unterschiedlichen Parteien und Gesellschaftssystemen mitgewirkt und tun es noch.  
 
Deutschland unter den Schlusslichtern in Europa
Sieht man sich in diesem Zusammenhang die Ost-West-Unterschiede und die europäischen Vergleichszahlen an, so wird deutlich, dass die Lohndiskriminierung im Osten weit geringer ist als im Westen, bei insgesamt niedrigeren Verdiensten  beträgt der Lohnunterschied ca. 8 %, ein um 15 % geringerer Gender Pay Gap. Deutschland schneidet auch im europäischen Vergleich erschreckend schlecht  bei der Gleichstellung von Frauen ab. Mit 3 % Verdienstunterschied hat Slowenien die niedrigste Differenz gefolgt  von Polen und Malta mit 6 %. Die Lohndifferenz von  
über 22 % in Deutschland wird nur noch von Österreich mit 23 % und von Estland mit 30 % übertroffen.
 
Karrierechancen von Frauen
Obwohl die Frauen 51 % der Bevölkerung sind, liegt deren Anteil an Führungs-positionen noch nicht einmal bei einem Drittel. Im wissenschaftlichen Bereich sind  
52 %  der Frauen studienberechtigt, 45 % promovieren, bei der Professorenschaft sind sie jedoch lediglich mit 20 % vertreten. Im EU-Vergleich liegt der Frauenanteil der Promotionen bei durchschnittlich 47 % und ist mit 60 % in Litauen am höchsten.
Mit einem Frauenanteil von 29 % an den Führungspositionen liegt Deutschland erneut  unter dem EU-Durchschnitt, der 2012 bei 33 % liegt. In Lettland werden 45 % der Führungspositionen weiblichen Händen anvertraut.  
 
Ein Forschungsprojekt der Hochschule Neubrandenburg vom 15.03.2013 hat sich mit der Frage „ It´s a man´s world?“ befasst in 15 Großstädten ab 200.000 Einwohner_innen hinsichtlich des Führungspersonals Oberbürgermeister, Dezernatsleitung und Amtsleitung. Für eine Stadt wie Duisburg waren die Ergebnisse beschämend:  
1 v,1 Oberbürgermeister  männlich,       0%    weiblich
7 v.7 Dezernatsleitung     männlich,       0%    weiblich   
      Amtsleitung 76,9 %    männlich,     23,1% weiblich   
 
Darüberhinaus waren die 3 weiteren Bürgermeister männlich und 6 von 7 Bezirksbürgermeister ebenfalls. Mittlerweile waren Wahlen und es hätte die Möglichkeit gegeben, auf dieses Ungleichgewicht mit entsprechendem anderen  
Wahlverhalten zu reagieren. Darauf haben die unterschiedlichen Parteien allerdings verzichtet.  Nach wie vor gibt es 3 Bürgermeister. Eine leichte Veränderung hat sich bei der Dezernatsleitung ergeben, es gibt eine weibliche Führungskraft im Rechtsamt in Duisburg. Nach wie vor sind 6 von 7 Bürgermeistern männlich. Die Ratsbeteiligung von Frauen liegt bei 34,52% und ist noch weit entfernt von einer sozial gerechten paritätischen Vertretung. Wenn man die Zusammensetzung der Gesamtfraktionen und die Besetzung der Sondergremien betrachtet, so haben die Duisburger_innen noch einen weiten Weg vor sich, wenn das Ziel einer sozial gerechten Stadt überhaupt ein gemeinsames ist. Das Bemühen um eine sozial gerechte Gesellschaft steht theoretisch in nahezu allen Parteiprogrammen und stößt allzu häufig praktisch an die Grenzen männlicher Begehrlichkeiten und Machtstrukturen.   
 
Mögliche Ursachen für die gesellschaftliche Ungleichheit
Das Ergebnis legt nahe, dass die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen im Erwerbsleben in der deutschen Gesellschaft nahezu unverändert  schlecht ist und neben einem traditionellen Frauenbild in einer patriarchalen kapitalistischen Gesellschaft auch noch andere Gründe eine Rolle spielen. Im Osten unseres Landes waren berufstätige Frauen selbstverständlich und es gab eine ausreichende Anzahl von Krippenplätzen für die Kinder, die auch heute noch höher ist als im Westen. Durch traditionelle Rollenbilder bedingt, dürfen Frauen zwar seit Juli 1977 ohne Erlaubnis ihrer Ehemänner arbeiten, allerdings auch den Löwenanteil der Hausarbeit erledigen. Wegen der vorhandenen Lohndiskriminierung verdienen Frauen in der Regel weniger als die Männer und das führt dazu, dass die Elternzeit eher von Frauen als von Männern wahrgenommen wird. Auch die Kranken- und Altenpflege von Familienangehörigen ist nach wie vor noch verstärkt „Frauensache“. Bei konjunkturfördernden Maßnahmen wurden in der Regel eher Bereiche gefördert, in denen überwiegend Männer arbeiten wie z.B. der Straßenbau, die Automobilherstellung usw., Kürzungen gab es überwiegend im sozialen Bereich, in dem sehr viele Frauen arbeiten. Hierbei ist auch entscheidend, dass die sogenannten Produktivkräfte einen hohen Stellenwert erhalten, das Hauptaugenmerk auf dem erwirtschafteten Profit liegt, während die Folgeschäden der Produktionsweise in der Regel vergesellschaftet oder gar vergessen werden. Frauen arbeiten häufig in Bereichen in denen es um mehr Lebensqualität geht, die als Kostenfaktoren betrachtet werden. Wie verheerend tödlich sich eine ausschließliche Ausrichtung an der Profitorientierung auswirken kann, zeigt das Beispiel der Krankenhauskeime.  
 
Der kleine Unterschied, der einen entscheidenden Unterschied macht
Die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, muss gesamtgesellschaftlich beantwortet werden und zwar von Frauen und Männern mit und ohne Migrationshintergrund gleichberechtigt, konsensorientiert und gemeinsam.  
Wie können wir diskriminierungsfrei ohne Ausbeutung, Umweltzerstörung und Krieg leben in einer Gesellschaft in der Eigentum tatsächlich verpflichtet, zum Gemeinwohl aller beizutragen? Brauchen wir noch mehr Arbeitsverdichtung oder die Umverteilung von Erwerbs- und Fürsorgearbeit, die  Besteuerung großer Vermögen, die Einführung einer Maschinenbesteuerung und die Verbesserung der Lebensqualität aller Menschen?
 

Zurück zum Kopf der Seite