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Selbst die Caritas lehnt Tafeln ab

Tafeln spalten Gesellschaft

Caritas veröffentlicht wissenschaftliche Studie zur Wirksamkeit existenzunterstützender Hilfen. Dazu ein erschütternder Bericht von Ellen Diederich.

 

 

 

von Ellen Diederich hier


Dazu Dipl. rer. soc. Norbert Hermann; Politik- und Sozialberatung; Mitglied des Koordinierungskreises der BAG Prekäre Lebenslagen (www.bag-plesa.de)

http://www.bag-plesa.deCaritas: Tafeln sind Scheisse! 

2006 erntete ich einen Tadel wegen meiner Aussage: „Die Bescheide sind unter aller Sau!“ Inzwischen sagen sie es selbst. Mal sehen, wann obenstehender Satz Allgemeingut wird ...

Wer auf Tafeln, Warenkörbe und Kleiderkammern angewiesen ist, fühlt sich dauerhaft aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Das ist eines der zentralen Ergebnisse einer Untersuchung der Forschungsgruppe „Tafelmonitor“ von Prof. Stefan Selke (Furtwangen) und Prof. Katja Maar (Esslingen) zur Wirksamkeit existenzunterstützender Angebote, die die Diözesan-Caritasverbände in NRW in Auftrag gegeben haben.

Die Spaltung der Gesellschaft, die sich in den existenzunterstützenden Angeboten fortsetze, „ist für die Caritas in NRW nicht akzeptabel“, erklärte der Münsteraner Diözesan-Caritasdirektor Heinz-Josef Kessmann vor der Landespressekonferenz in Düsseldorf.Existenzsicherung aber sei Aufgabe des Sozialstaats, so Kessmann, und dürfe nicht auf die Armenfürsorge der Wohlfahrtsverbände und der Gesellschaft verschoben werden. Tafeln, Suppenküchen, Kleider- und Möbelshops könnten und dürften als akute konkrete Hilfen in Notsituationen nicht auf Dauer angelegt sein. Allerdings könnten die Einrichtungen nicht schnell abgeschafft werden, sagte Kessmann. Vielmehr sei es erforderlich, sie so weiterzuentwickeln, dass sie auch die „Selbstheilungskräfte“ der Armen aktivierten.

Laut Kessmann sollten etwa Suppenküchen und Kleiderkammern mit anderen Angeboten der Caritas wie Schuldner- und Erziehungsberatung verknüpft werden. „Wir müssen an den Problemen ansetzen und nicht Symptome kurieren.“ Gleichzeitig führe das weg von der Essens- oder Kleiderausgabe in Hinterhöfen und hin zu einer Art Sozialkaufhäuser, in denen den Betroffenen „auf Augenhöhe“ geholfen und die Teilhabechance von Menschen in Armut gefördert werde.

Die Studie trägt den Titel „Brauchen wir Tafeln, Suppenküchen und Kleiderkammern?“ und liegt als Buch vor. Befragt wurden nach den Worten der stellvertretenden Sprecherin der Nationalen Armutskonferenz, Michaela Hofmann, haupt- und ehrenamtliche Helfer sowie regelmäßige Nutzer und „Nutzungsverweigerer“ von existenzunterstützenden Angeboten. Den Mitarbeitenden attestiert die Studie eine hohe Verantwortlichkeit für die menschenwürdige Existenz ihrer Mitmenschen. Sie verstünden sich als Ausfallbürgen für die mangelnde sozialstaatliche Absicherung. Ihnen gehe es um konkrete Unterstützung für einzelne in Not geratene Menschen und nicht um politische Arbeit bei der Bekämpfung der Ursachen.

Lebhafte Debatte ausgelöst

Die Tafel-Studie der Caritas hat eine Debatte ausgelöst: Die Vorsitzende der Leichlinger Tafel, Waltraud Simon, weist nach einem Bericht des Kölner Stadtanzeigers (KStA) die Kritik an den Tafeln zurück. „Was haben die benachteiligten Mitbürger davon, wenn der Politik Versagen vorgeworfen wird?“, fragt sie. Die Tafel sei auch ein Treffpunkt, um mal mit jemandem zu reden, „aber wir hören auch zu“, berichtet sie.Lesen Sie hier den ganzen Artikel im Kölner Stadtanzeiger:http://www.ksta.de/html/artikel/1302889610118.shtml Markus Kerckhoff, stellvertretender Vorsitzender der Tafel in Bergisch Gladbach, kann die Thesen in der Caritas-Studie durchaus nachvollziehen: „Als Diskussionsansatz ist die Studie sicherlich sinnvoll. Hartz-IV-Empfänger sind allerdings grundsätzlich mit ihrer Lebenssituation unzufrieden, und es verwundert mich nicht, dass sie den Gang zur Tafel als diskriminierend empfinden.“Karin Wegberg kann es nicht verstehen, dass Menschen sich schämen. „So ist halt das Leben. Die einen haben mehr, die anderen weniger“, sagt die Frau und sucht sich an der Theke der Tafel Lebensmittel aus, die für eine Woche den Mittagstisch für sie und ihren Sohn decken. 

Lesen Sie: KStA: Die Tafel hat mein Leben verändert...http://www.ksta.de/html/artikel/1303897233152.shtml Und die Debatte geht weiter: Wolfgang Weilerswist ist nicht nur der Vorsitzende der Mechernicher Tafel, sondern seit Anfang des Jahres auch Sprecher der insgesamt 54 Tafeln im Bezirk Köln, dem vor Detmold, Arnsberg, Düsseldorf und Münster größten Tafel-Bezirk in Nordrhein-Westfalen. Auch er meint: Das Tafel-Konzept ist keine Dauerlösung.

www.ksta.de/html/artikel/1303897234107.shtml Aus "Caritas in NRW - AKTUELL", Ausgabe 3, Mai 2011 (noch nicht online)

caritas.erzbistum-koeln.de/neuss_cv/verband/caritas_aktuell.html 

Hier finden Sie das Positionspapier "Zwischen Sozialstaat und Barmherzigkeit 2011. Positionen und Perspektiven der Caritas in NRW zu existenzunterstützenden Angeboten" zum Download:http://www.caritas-nrw.de/downloads/positionen_stellungnahmen/Zwischen_Sozialstaat_und_Barmherzigkeit_2011_final.pdf 

Dipl. rer. soc. Norbert Hermann; Politik- und Sozialberatung; Medizinsoziologie; Existenzgründungsberatungehem. Lehrbeauftragter für Sozialrecht; Mitglied im Dt. Verein f. öff. u. priv. Fürsorge e.V.; Mitglied des Dt. Sozialgerichtstags;Markstr. 396; 44795 Bochum; Tel.: 0234-460 169; Fax: 0234-460 113;  MAIL: BO-Sozialberatung@t-online.de


"Es ist durchaus statthaft, die für Hartz IV Verantwortlichen in Politik und Verwaltung zwar nicht unbedingt im verfassungsrechtlichen, aber doch im politischen Sinne als 'Verfassungsfeinde' zu bezeichnen, gegen die das Leisten von ' Widerstand' nicht nur legitim, sondern auch geboten ist."
Prof. Dr. Michael Wolf, Koblenz

Max Horkheimer (1895 – 1973) : "Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen." Dieser Spruch aus der Bibel ist ein volkstümlicher Grundsatz. Er müsste lauten:

Alle sollen essen und so wenig wie möglich arbeiten.

Aber auch das ist noch viel zu allgemein. Die Arbeit zum Oberbegriff menschlicher Betätigung zu machen ist eine asketische Ideologie... Die proletarische Forderung geht auf Reduktion der Arbeit. Sie bezweckt nicht, dass in einer künftigen besseren Gesellschaft einer davon abgehalten werde, sich nach seiner Lust zu betätigen, sondern sie geht darauf aus, die zum Leben der Gesellschaft erforderlichen Verrichtungen zu rationalisieren und gleich zu verteilen. Sie will dem Zwang und nicht der Freiheit, dem Leid und nicht der Lust eine Schranke setzen. In einer vernünftigen Gesellschaft verändert der Begriff der Arbeit seinen Sinn. (1934)