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Amira Mohamed Ali

Amira Mohamed Ali

Die Fraktionsvorsitzende Die Linke im Bundestag beantwortet unsere Fragen.

 

"Das, wofür Feminist*innen kämpfen sollte eigentlich selbstverständlich sein! Denn beim Feminismus geht es um das zentrale Menschenrecht: alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren."

  • Welche Bedeutung hat Feminismus für dich?

Ich bin Feministin. In unserer Gesellschaft gibt es noch immer keine echte Gleichstellung von Frauen und das kann ich nicht akzeptieren. Ich kämpfe dafür, dass Frauen endlich die gleichen Chancen haben – in allen Bereichen.

Mir persönlich war es auf meinem bisherigen Lebensweg immer wichtig, unabhängig zu sein, auf eigenen Beinen zu stehen, besonders als Frau. Das hat mir übrigens vor allem mein Vater vermittelt.

Ich habe Jura studiert und in der Autoindustrie als Firmenjuristin gearbeitet, einem nach wie vor eher von Männern dominierter Bereich – besonders in der Führungsebene. Auch der Bundestag war eine männliche Domäne, und aktuell sind immer noch nur knapp ein Drittel der Abgeordneten Frauen. Dass ich jetzt Fraktionsvorsitzende bin, wäre früher völlig ungewöhnlich gewesen. Ich werde jeden Tag daran erinnert, wie wichtig Feminismus ist.

  • Mit welchen Argumenten würdest du für Feminismus werben?

Das, wofür Feminist*innen kämpfen sollte eigentlich selbstverständlich sein! Denn beim Feminismus geht es um das zentrale Menschenrecht: alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.
Leider entspricht das nicht der gesellschaftlichen Realität und vieles, was hart erkämpft wurde, wird heute sogar wieder infrage gestellt.
Frauen verdienen mit gleicher Qualifikation immer noch weniger als Männer und sind weiterhin unterrepräsentiert in Führungspositionen. Altersarmut ist vor allem weiblich, weil Frauen häufiger in schlecht bezahlten Jobs sind und aufgrund von Kindererziehungs- oder Pflegezeiten Brüche in der Erwerbsbiographie haben, die rentenrechtlich nicht vernünftig ausgeglichen werden. Es gibt weiterhin viel zu tun, bis Frauen tatsächlich auf allen Ebenen gleichgestellt sind. Dass Rechte auch zurückgedreht werden können, sieht man exemplarisch in Polen, wo das Recht von Frauen, eine Abtreibung vornehmen zu lassen, massiv eingeschränkt worden ist. Ich sehe außerdem, dass durch die insgesamt wachsende Armut in der Corona-Krise, auch Notsituationen und Abhängigkeiten von Frauen wachsen. Deshalb ist Feminismus notwendig. Heute nicht weniger als früher. 

  • Wie integrierst du feministische Anliegen in deinen Alltag?

Das fängt bei Kleinigkeiten an – indem ich bewusst immer auch die weibliche Schreibweise in Texten und Redebeiträgen verwende. Außerdem werbe ich z.B. aktiv dafür, dass Frauen sich in die Politik einbringen und für ihre Rechte kämpfen.

  • In welcher Weise bringst du Feminismus in deine politischen Themen ein?

Mir ist es besonders wichtig, dass wir die strukturelle Benachteiligung von Frauen im Arbeitsleben thematisieren. Frauen verdienen immer noch weniger als Männer – Stichwort Gender Pay Gap -, ihre durchschnittlich sogar besseren Schul- und Uni-Abschlüsse führen nicht dazu, dass sie in hochbezahlten Tätigkeiten landen. Frauen werden viel zu oft nicht durch gelassen, weil in den Köpfen von Personalchefs zum Teil immer noch alte Rollenklischees vorherrschen. Oft werden Karrieren auch durch Kinderauszeit beendet oder die Frauen landen anschließend in schlechter bezahlter Teilzeit oder gar Minijobs. Als typische Frauenberufe kategorisierte Tätigkeiten – wie Verkäuferin, Friseurin, Krankenschwester, Kosmetikerin etc. – sind oft schlecht bezahlt. Unsere Aufgabe als LINKE verstehe ich so, dass wir diese Themen kontinuierlich im Bundestag ansprechen und darauf drängen, dass es substantielle Verbesserungen gibt. Z.B. fordern wir gleichen Lohn für gleiche Arbeit, die deutliche Erhöhung des Mindestlohns, die echte Vereinbarkeit von Beruf und Familie, eine Pflegeversicherung, durch die nicht nur die Pflegebedürftigen gut versorgt werden, sondern auch die Angehörigen vor finanzieller Überlastung schützt. Wir wollen ein faires Rentensystem mit einer armutsfesten Mindestrente und einer deutliche besseren rentenrechtlichen Anerkennung von Kindererziehungs- und Pflegezeiten.

  • Welche Frage bewegt dich, wenn es um das Thema Feminismus geht?

Dass manche Feminismus als überholt abtun! Frauen sind immer noch nicht gleichgestellt, und wer findet, dass Feminismus kein Thema mehr ist, bereitet denjenigen Kräften den Weg, die die Schraube zurückdrehen wollen.

  • In welcher Weise beeinflussen nach Deiner Einschätzung die Entscheidungen, die während der Pandemie getroffen worden sind, die Situation von Frauen?

Die Entscheidungen, die zu Corona getroffen worden sind, betreffen uns alle. Der Lockdown führt allerdings dazu, dass viele Frauen zusätzlich belastet werden. Besonders schwierig ist die Situation für Frauen, die in problematischen und oft auch beengten Familienverhältnissen leben. Studien zufolge kommt es aufgrund der Corona-Situation zu einer Zunahme von Gewalt in Familien um mehr als ein Drittel. Da die Situation von chronisch unterfinanzierten Hilfsangeboten wie Frauenhäusern schwierig ist, reichen diese in der Corona-Krise erst recht nicht aus.

Viele Frauen haben in der Krise ihren Job verloren, da sie oft nur auf geringer Basis beschäftigt sind und leicht gekündigt werden können. Gerade Frauen arbeiten zudem in den sogenannten systemrelevanten Berufen – in der Pflege, im Krankenhaus, in Geschäften. Ihre Tätigkeit ist noch anstrengender geworden, und bis auf Applaus gibt es, abgesehen vom einmaligen Bonus für Pflegekräfte, keinerlei zusätzliche Unterstützung. Im Gegenteil, für das Krankenhauspersonal ist sogar noch die mögliche Arbeitszeit erhöht worden.

Auch die Haushaltsbelastung hat für Frauen, die immer noch den Hauptteil der Hausarbeit leisten, zugenommen – dadurch, dass mehr Homeoffice gearbeitet wird und es zudem wiederholt zur Schließung von Kitas und Schulen kam, sind Frauen dauerhaft stärker belastet. Hinzu kommt, dass die Familien nicht auf die Versorgung ihrer Kinder außerhalb des eigenen Haushalts zählen können. Frauen müssen oftmals zusätzlich zu ihrer eigenen beruflichen Tätigkeit organisieren, dass die Kinder versorgt und betreut werden, sie müssen sich um den Schulunterricht kümmern und die Freizeitgestaltung organisieren. Besonders für Alleinerziehende ist dies eine sehr schwierige Situation. Nicht selten kommen dazu auch noch finanzielle Sorgen, weil aufgrund von Kurzarbeit oder Corona-bedingter Arbeitslosigkeit weniger Geld zur Verfügung steht, gleichzeitig aber die Preise gestiegen sind – in einem Maße, die die vorübergehende Mehrwertsteuersenkung bei weitem nicht ausgleicht. Besonders auch für Frauen ist daher die Forderung der Linksfraktion wichtig, dass das Kurzarbeitergeld auf 90 Prozent und im Niedriglohnsektor auf 100 Prozent sowie einen Pandemiezuschlag in Höhe von 200 Euro pro Monat für Hartz-IV- und Grundsicherungs-Beziehende.

 

Liebe Amira die BAG LiSA dankt dir herzlich für Deinen Beitrag