Zum Hauptinhalt springen

Detailansicht NEWS


Janine Wissler

Janine Wissler ist Vorsitzende der Partei Die Linke, MdB und war jahrelang im hessischen Landtag als Fraktionssprecherin.

 

Ein linker Feminismus geht dafür an die Wurzeln der Ungerechtigkeit. Er will nicht nur, dass Frauen auf allen Ebenen der Gesellschaft gleichberechtigt vertreten sind, er will auch, dass die materiellen Bedingungen dafür geschaffen werden, dass Frauen frei und gleichberechtigt leben können.

  • Welche Bedeutung hat Feminismus für dich?

Die Gleichberechtigung aller Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, ist für mich eine der urlinkesten Anliegen. Doch die Realität sieht heute leider noch anders aus. Frauen verdienen im Durchschnitt 20 Prozent weniger als Männer, sie erledigen mehr Haus- und Familienarbeit oder sind häufiger von Sexismus und sexualisierter Gewalt betroffen. In Deutschland versucht umgerechnet jeden Tag ein Mann eine Frau umzubringen, weil sie eine Frau ist, jeden dritten Tag ist er damit erfolgreich. Femizide gehören deshalb endlich als Straftatbestand ins Strafgesetzbuch.

Feminismus will mit all diesen Ungerechtigkeiten aufräumen. Ein linker Feminismus geht dafür an die Wurzeln der Ungerechtigkeit. Er will nicht nur, dass Frauen auf allen Ebenen der Gesellschaft gleichberechtigt vertreten sind, er will auch, dass die materiellen Bedingungen dafür geschaffen werden, dass Frauen frei und gleichberechtigt leben können. Er will, dass Frauen gleiches Geld für gleichwertige Arbeit bekommen und dass die Lohnarbeitszeit für alle verkürzt wird und dadurch bessere Möglichkeiten für eine gleichberechtigte Aufteilung der Haus- und Familienarbeit geschaffen werden. Linker Feminismus will, dass sogenannte Frauenarbeit in der Pflege, in KiTas oder an Grundschulen besser entlohnt wird, weil die Arbeit mit und am Menschen in unserer Gesellschaft mehr Anerkennung verdient hat. Er will, dass wir solidarisch und umsichtig miteinander umgehen und aufeinander achten, damit Grenzen nicht überschritten werden und niemand zu etwas gedrängt wird, was sie oder er nicht möchte. All das bedeutet Feminismus für mich.

  • Mit welchen Argumenten würdest du für Feminismus werben?

Ich würde fragen: wenn hier jemand glaubt, dass wir schon längst gleichberechtigt wären oder Männer mittlerweile sogar diskriminiert würden, warum arbeiten dann immer noch 70 Prozent der Mütter in Teilzeit, aber nur 7 Prozent der Männer? Das hat etwas mit gesellschaftlichen Erwartungen und ungleichen Löhnen zu tun. Wer länger oder dauerhaft in Teilzeit arbeitet, bekommt am Ende auch weniger Rente. Altersarmut in Deutschland ist weiblich. Daran müssen wir etwas ändern.

  • Wie integrierst du feministische Anliegen in deinen Alltag?

Indem ich zum Beispiel eingreife, wenn ich mitbekomme, dass Frauen in meinem Umfeld unfair behandelt werden oder einen sexistischen Kommentar abkriegen. Sowas darf nicht unkommentiert bleiben. Nicht alles, was an Sexismus und Unterdrückung passiert, lässt sich über Verträge und Gesetze regeln. Es geht auch darum, dass wir unsere Kultur, unseren Umgang miteinander verändern. Ich bin übrigens absolut der Meinung, dass viele Männer durchaus lernbereit sind, was das angeht. Ich bin also auch für eine Fehlerkultur, bei der man verzeihen und voneinander lernen kann.

  • In welcher Weise bringst du Feminismus in deine politischen Themen ein?

Ich versuche eigentlich bei ziemlich allen Forderungen immer zu überlegen, ob sie tatsächlich für alle Menschen Verbesserungen bringen, oder ob Frauen oder auch Menschen mit Migrationsgeschichte von ihnen ausgeschlossen wären. Wären sie das, taugt die Forderung nichts oder muss noch einmal überdacht werden. Ich selbst bin häufig auf Streikversammlungen. In den letzten Jahren war ich das häufig bei Streiks von Industriebetrieben, aber auch bei Streiks von Beschäftigten in den Krankenhäusern. Das eine ist eine vorrangig männlich, das andere eine sehr weiblich geprägte Branche. Doch beide erheben Forderungen, die am Ende allen Geschlechtern zugutekommen. Zum Beispiel war vor wenigen Jahren eine der Hauptforderungen der IG Metall die Arbeitszeitverkürzung bei Lohnausgleich, zum Beispiel für die Zeit, in der man sich um pflegebedürftige Angehörige kümmert. Und die Beschäftigten in den Krankenhäusern streiten für eine Anerkennung ihrer Berufe und damit für die Arbeit am Menschen allgemein. Beide Forderungen, also Arbeitszeitverkürzung oder bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege sind auch zutiefst feministische Forderungen. Als Mitglied der LINKEN oder auch jetzt in meiner Funktion als Vorsitzende möchte ich diese Forderungen stärken und gemeinsam mit den Beschäftigten Druck auf die Konzerne und die Bundesregierung machen.

  • Welche Frage bewegt dich, wenn es um das Thema Feminismus geht?

Da gibt es viele. Nach zwei Jahren Pandemie beschäftigen mich aber zwei feministische Themen besonders. Das eine ist die weiterhin katastrophale Situation für die Beschäftigten in den Krankenhäusern – die meisten von ihnen sind Frauen. Nach viel Applaus, kommt jetzt über zwei Jahre nach Ausbruch der Pandemie endlich ein Pflegebönchen. Das reicht hinten und vorn nicht. Wenn wir Pflege endlich aufwerten wollen – eine Arbeit, die vor allem Frauen verrichten – brauchen wir dauerhaft höhere Löhne, mehr Personal und die Abschaffung der Fallpauschalen. Das andere Thema ist die Situation vieler Familien. Besonders Frauen haben im Zuge der Pandemie ihren Job verloren oder niedergelegt, um sich um Kinder oder pflegebedürftige Angehörige zu kümmern. Wer in Vollzeit arbeitet, kann das nicht leisten. Wenn wir immer so weiter machen und am Ideal der 40-Stunden-Woche als Normalarbeitszeit festhalten, werden Familien, und dabei vor allem Frauen und Kinder, immer weiter unter die Räder kommen. Deshalb bin ich für die Einführung der 4-Tage-Woche für alle bei vollem Lohnausgleich.